27.01.2015

Betroffene der Nagelbombe in der Keupstraße: wie beweist man Angst und Leid?

Am heutigen Tag wurden mehrere ZeugInnen befragt, die sich zum Zeitpunkt der Bombenexplosion zwar in deren Wirkungsbereich befanden, aber keine erheblichen körperlichen Verletzungen erlitten. Die Schilderungen dieser Zeugen waren naturgemäß weniger spektakulär als die der Schwerverletzten in der vergangenen Woche. Dies führte leider auch dazu, dass der Vorsitzende Richter ungeduldig, drängend und ungnädig sein Frageprogramm abarbeitete. Obwohl diese Zeugen teilweise als Opfer eines versuchten Mordes als NebenklägerInnen zugelassen wurden, hat das Gericht Schwierigkeiten, sich den nur schwer zu beschreibenden Angstzuständen und psychischen Problemen dieser Betroffenen zu nähern und diese ausreichend ernst zu nehmen.

Spannenderweise schilderten diese Zeugen sehr ähnliche Empfindungen auf sehr unterschiedliche Weise. Alle hatten die Bombe gehört, gespürt, hatten teilweise Hörprobleme und schilderten ihre Ängste, die insbesondere ausgelöst wurden durch die Nägel, die selbst in einen 100 Meter entfernt liegenden Laden prasselten.

Fast alle hatten sich nur widerwillig oder gar nicht an ÄrztInnen oder TherapeutInnen gewandt, teilweise weil sie wohl ihre Probleme nicht eingestehen wollten, teilweise aus einer undefinierten Angst. Aus heutiger Sicht wird deutlich, dass damals ein psychosoziales Angebot vor Ort nicht bestand, niemand den Menschen in der Keupstraße die Notwendigkeit solcher Hilfe deutlich gemacht hat.

Praktisch alle schilderten auch, dass sie von den eingesetzten PolizeibeamtInnen „wie Täter“ behandelt, immer wieder nach möglichen „Mafia“-, PKK- oder Hizbullah-Verstrickungen gefragt worden seien, obwohl sie selbst deutlich angaben, dass dieser Bombenanschlag nur von Rassisten und Nazis stammen kann. Ein Zeuge berichtete sogar, ein Polizeibeamter hätte ihn mit einem Finger auf den Lippen und „Psst“ aufgefordert, nichts mehr von Nazis und Rassisten zu erzählen.

Eine Zeugin, die Böhnhardt gesehen hatte, wie er sehr vorsichtig das mit der Bombe bepackte Fahrrad in Richtung Keupstraße schob, berichtete, dass ihr zwar ein Bild mit schlechter Qualität von der Überwachungskamera des Viva-Gebäudes gezeigt worden sei. Ihr wurden aber keine Bilder deutscher Terrorverdächtiger aus der Naziszene gezeigt – mit einer solchen Lichtbildvorlage der bekannten abgetauchten Nazis hätte der gesamte NSU zu diesem Zeitpunkt aufgeklärt werden können.

Ein weiterer Zeuge, der mit seinem Motorrad unterwegs war, und von einem sehr schnell fahrenden Fahrradfahrer fast angefahren wurde, wunderte sich, dass er nie dazu vernommen wurde, obwohl er sich am Abend der Tat bei der Polizei gemeldet hatte und auch die Viva-Bilder mit diesem Fahrradfahrer in Verbindung gebracht hatte. Der Zeuge beschrieb seine Wahrnehmung des Umgangs der Polizei mit den Verletzten eindrücklich. Einer der teilweise blutverschmierten Verletzten habe zu ihm gesagt „das ist doch nicht normal, die unterstellen uns, wir hätten das selber gemacht“.

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