10.01.2018

Überzeugende und berührende Plädoyer von Seda Basay und Abdulkerim Şimşek

Die Verhandlung begann heute später und endete bereits mittags, da der Angeklagte Wohlleben erneut über Rückenschmerzen klagte und morgens zunächst untersucht wurde.

Rechtsanwältin Basay führte zunächst ihr gestern begonnenes Plädoyer fort. Nach einem kurzen Einschub zu den völlig unglaubhaften Erklärungen von Beate Zschäpe widmete sie sich noch einmal intensiv der Frage nach Unterstützern in Nürnberg.

Gerade die vier Nürnberger Tatorte – der Morde an Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru und Ismail Yaşar und des Sprengstoffanschlags auf das Lokal „Sonnenschein“ – zeigten deutlich, so legte Basay dar, dass die These der Bundesanwaltschaft, diese seien allein von Böhnhardt und Mundlos ausgespäht worden, unplausibel ist: Die Tatorte waren weit über das Gebiet der Stadt verstreut, insbesondere der Tatort im Fall Şimşek lag weit entfernt von den übrigen Orten. Zudem konnten nur Ortsansässige wissen, an welchen wenigen Tagen Şimşek mit seinem Transporter vor Ort sein würde. Auch andere Tatorte waren nicht leicht als solche zu erkennen, so lag etwa die Änderungsschneiderei von Abdurrahim Özüdoğru in einem Wohngebiet, sein Name war nur ganz klein an einem Inhaberschild zu lesen, auch beim Lokal „Sonnenschein“ war von außen nicht zu erkennen, dass es kurz vor der Tat von einem türkeistämmigen Pächter übernommen worden war. Auch gab es gar nicht genug dokumentierte Autoanmietungen des Trios, die zum Ausspähen hätten genutzt werden können.

Auch die Inhalte der in der NSU-Wohnung in der Frühlingsstraße gefundenen Ausspähnotizen weisen eher auf eine länger andauernde Ausspähung hin, enthalten zudem Hinweise, wie man bestimmte Orte am besten erreicht, also Hinweise an Ortsfremde. Hinzu kommt, dass es beim Mordfall Yaşar – ähnlich wie beim Mord an Mehmet Turgut in Rostock (vgl. das Plädoyer von Rechtsanwalt Langer) – vorher einen Angriff eines bekannten Neonazis, der zudem Kontakt zu Mundlos wie auch zu Holger Gerlach und Ralf Wohlleben hatte, auf den Imbiss des Mordopfers gegeben hatte. Auch für andere Tatorte gibt es nachvollziehbare Verbindungen – so wohnte ein aus Gera stammender Neonazi im Nachbarhaus des „Sonnenschein“, ein weiterer Neonazi, Mitglied von „Blood and Honour“ in Franken und zeitweise liiert mit der sächsischen Unterstützerin Mandy Struck, hatte angegeben, zweimal bei Enver Şimşek Blumen gekauft zu haben.

Nach Rechtsanwältin Basay ergriff Abdulkerim Şimşek, der Sohn von Enver Şimşek, selbst das Wort. Als Dreizehnjähriger erlebte er den Tod seines Vaters, den er auf der Intensivstation des Krankenhauses nur einmal noch, schwer verletzt, sehen durfte. Er schilderte seine Ängste, ausgelöst durch die Verdächtigungen, die die Polizei im Rahmen der Ermittlungen gegen seinen Vater vorbrachte.

„Obwohl ich sicher war, dass mein Vater kein Krimineller war, habe ich versucht die Ermordung meines Vaters geheim zu halten. Es klingt absurd, aber ich war erleichtert, als ich hörte, dass mein Vater von Nazis umgebracht wurde und so seine Unschuld bewiesen wurde. Die Heimlichtuerei konnte endlich aufhören.“

Das gesellschaftliche Leben der Familie sei mit dem Mord an seinem Vater und den Spekulationen der Polizei über die möglichen kriminellen Hintergründe der Tat zerstört gewesen. Nicht nur, weil die Mutter unter enormen finanziellen Schwierigkeiten die Familie über die Runden brachte, sondern weil damit ein Tabu geschaffen war, das die Familie in eine Isolation zwang.

Am Schluss wandte sich Abdulkerim Şimşek direkt an die Angeklagten:

„Auch ich hätte viele Fragen an die Angeklagten gehabt. 

Warum mein Vater? Wie krank ist es, einen Menschen nur aufgrund seiner Herkunft oder Hautfarbe mit acht Schüssen zu töten? Was hat mein Vater Ihnen getan? 

Können Sie überhaupt verstehen, was es für uns heißt, dass er nur deswegen ermordet wurde, weil er ein Türke ist? 

Können Sie verstehen, was es für uns heißt, im Bekennervideo den Vater blutend auf dem Boden zu sehen und zu wissen, dass er dort stundenlang hilflos lag? 

Wenigstens einer der Angeklagten hat hier umfassende Angaben gemacht und sich aus meiner Sicht aufrichtig entschuldigt. Herr Schultze, wir nehmen ihre Entschuldigung an.

Ich möchte, dass alle anderen, die an der Ermordung meines Vaters schuld sind, zur Verantwortung gezogen und in höchstem Maße bestraft werden.“