Schlagwort-Archive: Uwe Böhnhardt

11.05.2016

Das Gericht schlägt weiter Zeit tot und verweigert weiter ernsthafte Aufklärung

Heute verlas das Gericht zum einen diverse Unterlagen.

Zum anderen wurden Fotos eines Urlaub von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt im Jahr 2004, kurz nach dem Anschlag in der Keupstraße in Köln, angesehen. Diese zeigen eine unbeschwert-fröhliche Atmosphäre unter den drei Personen – im krassen Gegensatz zur Einlassung Zschäpes, die behauptet hatte, die Stimmung sei eisig gewesen, nachdem sie vom Anschlag in Köln erfahren hatte. Weiterlesen

22.09.2014

Einblicke in die Jugend von Uwe Böhnhardt

Heute wurde nur ein Zeuge vernommen. Er war Anfang der 90er-Jahre als Jugendlicher in einer Gruppe krimineller Jugendlicher mit Uwe Böhnhardt und Enrico Teile. Theile war laut Anklage ein Bindeglied bei der Weitergabe der Ceska an Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe. Der Zeuge hatte bereits 1993 bei der Polizei ausgesagt, dass Böhnhardt, Theile und Länger Zugang zu Waffen hatten. Auch in seiner Aussage beim Bundeskriminalamt am 03.04.2012 bestätigt er diese Angaben.

Kurz nach der Aussage bei der Polizei 1993 wurde der Zeuge beim Geländefahren mit einem gestohlenen Auto lebensgefährlich verletzt. Seine Kameraden ließen ihn am Unfallort liegen in der Annahme, er werde dort sterben – wahrscheinlich hatten sie von seiner Zeugenaussage erfahren. Nur einer bekam ein „schlechtes Gewissen“ und rief die Polizei. Als der Zeuge danach im Krankenhaus lag, versuchten mehrere aus der Gruppe, zu ihm zu gelangen – seine Angehörigen nahmen an, dass sie ihn töten wollten, damit er keine weiteren Aussagen machen konnte. Der Zeuge erhielt Polizeischutz und um weiteren Übergriffen zu verhindern verbreitete seine Familie, er sei an seinen Verletzungen verstorben.

Heute bestätigte der Zeuge seine 2012 gemachten Angaben, wonach Böhnhardt sehr aggressiv auftreten konnte, andererseits aber selbst bei Autodiebstählen sehr geplant auftrat, und wonach Theile mehrere Waffen hatte. Es war aber auch spürbar, dass er seine Aussage aus 2012 in wesentlichen Teilen herunterspielen und Theile, Böhnhardt und andere weniger stark belasten wollte. Dieses Verhalten erklärt sich aus einer anderen Angabe des Zeugen: er habe bereits als Jugendlicher massiv Alkohol zu sich genommen, aber nach dem Unfall lange abstinent gelebt oder jedenfalls deutlich weniger getrunken. Nach seiner Zeugenaussage 2012 seien die damaligen Erlebnisse, auch der Unfall und die Drohungen, wieder hochgekommen. Er habe dann einen Rückfall gehabt und sehr viel getrunken, außerdem leide er unter Angstzuständen, sei erst seit kurzem wieder in Behandlung.

Die Angaben des Zeugen gaben wichtige Einblicke in den Alltag der Mischszene aus Nazis und Kriminellen in Jena. Sie bestätigten nicht nur erneut die erhebliche Gewaltbereitschaft Böhnhardts, sondern darüber hinaus auch, dass Theile in Jena ein logischer Ansprechpartner war, wenn es um Waffen ging.

01.04.2014

Das Netzwerk in Chemnitz

Zunächst wurde erneut einer derjenigen Verfassungsschutzmitarbeiter vernommen, die den V-Mann Tino Brandt betreut hatten. Er habe anfangs geglaubt, Brandt wolle sie hinters Licht führen, mit der Zeit sei aber eine alltägliche, gute Zusammenarbeit entstanden. Er habe Brandt „abschalten“ müssen, da der Leiter des Landesamtes, Roewer, geglaubt habe, dass der eigentliche V-Mann-Führer Brandts, Wießner, ihn hinters Licht führen wolle. Auch dieser Zeuge wird nach der Vernehmung des Tino Brandt nochmals nach München kommen müssen.

Danach folgte die Vernehmung von Thomas Rothe, der, soweit bislang bekannt, die erste Unterkunft in Chemnitz für das Trio nach dessen Untertauchen gestellt hatte. Zunächst versuchte er mit Angaben wie „Die standen bei mir vor der Tür, dann haben sie bei mir geschlafen“ genauere Nachfragen abzublocken. Durch geduldiges Nachfragen kam heraus, dass Rothe in die Nazimusikszene in Chemnitz eingebunden war, häufiger Mitglieder von internationalen Nazibands bei sich übernachten ließ. Weiter gab er an, dass Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe einige Zeit bei ihm wohnten, vor allem aber, dass er sie auch nach ihrem Auszug und bis 2001 regelmäßig traf, sowohl in Chemnitz als auch in Zwickau.

Der Kontakt zu den Dreien sei durch Thomas Starke hergestellt worden, der sei mit den Dreien zu ihm gekommen und habe ihn gebeten, sie bei sich aufzunehmen. Starke habe ihn auch angerufen, auf einen Bericht im Fernsehen mit einem Fahndungsaufruf hingewiesen und diesen mit den Worten „du weißt schon, wen du da hast“ kommentiert. Rothe selbst gab zu, bei „Blood and Honour“ gewesen zu sein – der Naziorganisation, der zumindest auch Thomas Starke angehörte, und aus der ein wesentlicher Teil der Unterstützer jedenfalls in Sachsen kamen. Thomas Starke wird am Mittwoch vernommen.

Interessant war, dass der Vorsitzende intensiv nach „Blood and Honour“ nachfragte, obwohl die Anklageschrift die Organisation nur am Rand erwähnt. Fragen nach weiteren „B&H“-Mitgliedern blockte der Zeuge aber schließlich ab – unter Verweis auf ein Verfahren gegen ihn wegen seiner „B&H“-Aktivitäten, das 2010 wegen „geringer Schuld“ eingestellt worden war. Erst nachdem der Vorsitzende ihm mit Ordnungsgeld und Ordnungshaft bedroht hatte, verwies Rothe auf ein mögliches Schweigerecht wegen dieses Verfahrens. Der Vorsitzende unterbrach die Vernehmung, um zu prüfen, ob sich ein solches Schweigerecht ergibt. Dafür wird jetzt die Ermittlungsakte beigezogen. Der Zeuge wird sich bei seiner nächsten Vernehmung einem erheblichen Druck seitens des Gerichts ausgesetzt sehen.