Archiv für den Tag: 27. November 2013

27.11.2013

Familie Zschäpe: Mutter schweigt, Cousin verschweigt

Mit dem Cousin und der Mutter Beate Zschäpes sollten heute Familienmitglieder einen Einblick in die Persönlichkeit und Entwicklung der Hauptangeklagten geben. Die Mutter berief sich allerdings auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht als Angehörige und verließ nach drei Minuten den Saal.

Anders der Cousin Zschäpes, Stefan A., der sich als spaßorientiertes Mitglied der Skinhead-Fraktion der Jenaer Naziszene beschreibt, der mit Politik kaum etwas zu tun hatte. „Die Musik stachelt einen halt auf, sagt das, was viele gedacht haben. Gegen den Staat, gegen Ausländer, gegen Linke, gegen Kommunismus“, beschreibt er die Stimmung in Jena Mitte der 1990er-Jahre. Beate Zschäpe sei auch dabei gewesen in der rechten Szene. Sie sei selbstbewusst gewesen. Ihr erster langjähriger Freund habe sich zwar auch „so“ gekleidet, sei aber nicht so anerkannt worden. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, mit denen Beate dann rumgezogen sei, seien an Nazimusik und Politik interessiert gewesen.

Er selbst bestreitet allerdings, eine Rolle in der Jenaer Naziszene gehabt zu haben. Auf Vorhalt des sogenannten Schäferberichts und von Berichten des LKA Thüringen, in denen er als eines der acht aktiven Mitglieder der „Kameradschaft Jena“ bezeichnet wird, spielt er seine Rolle herunter. Fast alle weiteren genaueren Nachfragen beantwortet er nun mit Gedächtnisproblemen – kaum Erinnerungen an gemeinsame Konzerte, an Reisen nach Nürnberg, Gespräche. Immerhin beschreibt er, dass Uwe Mundlos für die Jenaer „Kameraden“ den Briefkontakt zu dem inhaftierten Chemnitzer Nazi und späteren V-Mann Thomas Starke hielt und diesem auch vom Zeugen Grüße ausrichtete. Daran, dass es sich bei diesem Starke und einem weiteren Bekannten vermutlich um führende Kader von „Blood and Honour“ Chemnitz handelte, wollte er sich dann wieder nicht erinnern können. Der Zeuge folgt der offensichtlich für die Zeugen aus der Naziszene ausgegebenen Losung „alles vergessen!“ So muss er zwar nach Vorlage verschiedener Bilder zugeben, dass er an Ku Klux Klan-artigen Kreuzverbrennungen teilgenommen hat und sich mit dem sogenannten „Kühnengruß“, einem leicht abgewandelten Hitlergruß, hat fotografieren lassen – er behauptet aber, er habe nie gewusst, was dieser Gruß bedeutet.

Das Gericht lässt ihn gewähren, denn die für die Bestätigung der Anklage wichtigen Angaben hat er bereits gemacht: Beate Zschäpe war selbstbewusst, sie hatte ihre Männer im Griff und ließ sich nicht unterbuttern. Sie war gleichberechtigtes Mitglied der Naziszene um sie, Mundlos, Böhnhardt, Kapke, Gerlach und Wohlleben.

Seine Vernehmung wird morgen fortgesetzt. Die für morgen angesetzten Zeugen wurden abgeladen mit Ausnahme einer früheren Freundin des Angeklagten Eminger.

26.11.2013

Urlaubsbekanntschaften

Heute wurden mehrere Urlaubsbekanntschaften von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos als Zeugen gehört. In den Jahren 2007 bis 2011 traf man sich immer während der Sommerferien auf einem Campingplatz auf Fehmarn. Die ZeugInnen berichteten, dass über die Jahre eine recht enge Urlaubsfreundschaft mit „den Drei“ entstand. Zwei Familien mit jugendlichen Kindern erlebten diese als angenehme, sehr sportliche WohnwagennachbarInnen, die immer für gemeinsame Sportaktivitäten und Grillabende offen waren. Der Kontakt zu der einen Familie wurde so eng, dass die drei zum Geburtstag der Tochter eingeladen waren und diese besuchten.

Beate Zschäpe wird als „Managerin des Geldes“, als fürsorglich beschrieben, die für Wäsche und Küche zuständig war, während sich die Männer um die Sportgeräte, das Auto und Reparaturen kümmerten.

Abgesehen von dem tätowierten Totenkopf und Stahlhelm, den Uwe Böhnhardt alias Gerry als Jugendsünde bezeichnete, und der Tatsache, dass die drei nie eine Adresse angaben, fiel niemandem irgendetwas Negatives an den Dreien auf. In Sportbekleidung und ohne dumpfe Sprüche fiel also der Nationalsozialistische Untergrund nicht weiter auf.

Die Vernehmung der Urlaubsfreunde machte nicht nur deutlich, dass Beate Zschäpe in einem völlig gleichberechtigten Verhältnis zu Böhnhardt und Mundlos stand, dass sie im Rahmen der Arbeitsteilung der Gruppe für die Verwaltung des Geldes zuständig war. Darüber hinaus ist deutlich geworden, dass alle drei ihre Tarnung sehr professionell und klar kalkuliert betrieben. Über 4 Jahre hielten sie ihre Tarnidentitäten und die dazu gehörenden Biografien selbst gegenüber Menschen aufrecht, mit denen sie sich angefreundet und ein gewisses Vertrauensverhältnis aufgebaut hatten. Die Zeugenvernehmungen haben erneut erhebliche Indizien dafür erbracht, dass Beate Zschäpe als vollwertiges Mitglied des NSU in voller Kenntnis aller Taten eine tragende Rolle eingenommen hat.