Schlagwort-Archive: Keupstraße

28.01.2015

Keupstraße: wer war gefährdet?
Und: Angeklagter Schultze: Aussteiger oder „Umsteiger“?

Drei Mitglieder einer Familie schilderten ihr Erleben des Anschlages in der Keupstraße. Die Mutter hatte sich in weniger als 30 Metern Luftlinie zur Bombe aufgehalten und im Wesentlichen den Schrecken und die Erschütterung erlebt. Körperlich hatte sie Probleme mit den Ohren erlitten. Sie schilderte, dass laute Geräusche, etwa Silvesterraketen, sie in die Situation der Bombenexplosion zurückversetzen und wieder Ängste auslösen. Noch heute könne sie gerade mal zwei Nächte die Woche richtig schlafen, ansonsten leide sie unter Schlafstörungen und Ängsten.

Der Sohn sorgte zunächst für Irritationen und – vor allem bei einem Teil der anwesenden JournalistInnen – für Empörung, weil er schilderte, er habe sich im Moment der Explosion im Auto in der schräg zur Keupstraße verlaufenden Schanzenstraße befunden. Der Vorsitzende Richter Götzl hielt ihm relativ scharf vor, sein Rechtsanwalt habe im Antrag auf Zulassung der Nebenklage angegeben, er sei im Wirkungsbereich der Bombe in der Keupstraße gewesen. Erst Weiterlesen

27.01.2015

Betroffene der Nagelbombe in der Keupstraße: wie beweist man Angst und Leid?

Am heutigen Tag wurden mehrere ZeugInnen befragt, die sich zum Zeitpunkt der Bombenexplosion zwar in deren Wirkungsbereich befanden, aber keine erheblichen körperlichen Verletzungen erlitten. Die Schilderungen dieser Zeugen waren naturgemäß weniger spektakulär als die der Schwerverletzten in der vergangenen Woche. Dies führte leider auch dazu, dass der Vorsitzende Richter ungeduldig, drängend und ungnädig sein Frageprogramm abarbeitete. Obwohl diese Zeugen teilweise als Opfer eines versuchten Mordes als NebenklägerInnen zugelassen wurden, hat das Gericht Schwierigkeiten, sich den nur schwer zu beschreibenden Angstzuständen und psychischen Problemen dieser Betroffenen zu nähern und diese ausreichend ernst zu nehmen.

Spannenderweise schilderten diese Zeugen sehr ähnliche Empfindungen auf sehr unterschiedliche Weise. Alle hatten die Bombe gehört, gespürt, hatten teilweise Hörprobleme und schilderten ihre Ängste, die insbesondere ausgelöst wurden durch die Nägel, die selbst in einen 100 Meter entfernt liegenden Laden prasselten. Weiterlesen

22.01.2015

Weitere Geschädigte aus der Keupstraße

Heute sagten weitere Verletzte des Anschlags in der Keupstraße aus. Den Anfang machte ein Gastwirt aus der Keupstraße, der während der Explosion als Kunde im Friseurladen war. Er trug heute ein T-Shirt der Initiative „Keupstraße ist überall“.

Der Zeuge hatte verhältnismäßiges Glück und erlitt „nur“ eine Verletzung am Trommelfell, auch die psychischen Folgen hatte er nach einiger Zeit weitgehend überwunden. Dafür litt er wirtschaftlich ganz erheblich an den Verdächtigungen von Polizei und Presse gegen die Keupstraße – v.a. die deutschstämmigen KundInnen seines Restaurants trauten sich einfach nicht mehr dorthin.

Auch er hatte aber den rassistischen Hintergrund der Tat gleich erkannt und dies auch der Polizei mitgeteilt: Behauptungen, es seien „die Türsteher“ gewesen, glaube er nicht. „Ich denke, es hat eher einen rechtsradikalen Hintergrund. Man will das Zusammenleben der Türken dort stören.“ Hieran knüpfte der Zeuge heute an und drückte seine Hoffnung aus, dass deutsch- und türkeistämmige Menschen wieder zu einem vertrauensvollen Miteinander zurückfinden.
Es folgte eine damals hochschwangere junge Frau, die sich bei der Explosion zusammen mit Weiterlesen

20.01.2015

Erste Zeugenaussagen zum Nagelbombenanschlag in der Keupstraße – und zur „Bombe nach der Bombe“.

Heute sagten die ersten Geschädigten des Nagelbombenanschlags am 9. Juni 2004 in der Keupstraße in Köln aus – jeweils gefolgt von den Ärzten, die ihre Verletzungen behandelt hatten.
Den Anfang machten zwei junge Männer, die während der Explosion auf dem Gehweg in der Nähe der Bombe vorbeigegangen waren und die sehr gefasst, aber sichtlich mitgenommen berichteten. Beiden wurden mehrere Nägel entfernt, die tief in den Beinen und im Rücken steckten, sie erlitten Brüche, erhebliche Verbrennungen, Trommelfellverletzungen und weitere Verletzungen, an deren Spätfolgen beide noch heute leiden. Von den psychischen Folgen ganz zu schweigen: beide schilderten anschaulich, dass sie lange brauchten, um wieder „ihren Alltag zu finden“, dass sie noch heute in psychotherapeutischer Behandlung sind.

Ihre Aussagen bestätigten den Eindruck, der bereits letzte Woche bei der Vernehmung der Sprengstoffermittler entstanden war: dass keiner der beiden lebensgefährliche Verletzungen erlitt, war pures Glück. Einem von ihnen sagten die behandelnden Ärzte, hätte er etwas weiter weg von der Bombe gestanden, hätten ihn die Nägel wahrscheinlich nicht an den Beinen und Weiterlesen

16.10.2013

Woher kam die Ceska?

Der heutige Verhandlungstag sollte Klarheit über die Herkunft der Ceska mit Schalldämpfer verschaffen. Es konnte aber nur ein Schweizer Waffenhändler vernommen werden, der die Waffe 1996 verkaufte. Dieser gab an, er habe die Waffe als Set mit Schalldämpfer und eine weitere Ceska ohne Schalldämpfer auf eine Bestellung hin verschickt. Der Käufer habe ihm eine amtliche Erlaubnis zum Kauf und eine Kopie eines Ausweisdokuments vorgelegt. Bei der Ceska mit Schalldämpfer handele es sich um ein sehr selten verkauftes Modell, einige habe er davon aber schon verkauft.

Zwei weitere Zeugen, der Käufer der für die NSU-Morde verwendeten Ceska mit Schalldämpfer und der vermutliche Weiterverkäufer nach Deutschland, waren nicht erschienen. Das Gericht wird nun versuchen, eine Videovernehmung der beiden durchzuführen. Jedenfalls der vermutliche Weiterverkäufer hat aber schon angekündigt, von seinem Auskunftsverweigerungsrecht Gebrauch zu machen.

Weiter wurde erneut das Video einer Überwachungskamera in der Kölner Keupstraße angesehen, nunmehr in leicht verbesserter Bildqualität. Dort war kurz vor dem Bombenanschlag eine Frau zu sehen. Es sollte nun überprüft werden, ob es sich hierbei um Beate Zschäpe handelte, was aber von den untersuchenden Polizeibeamten ausgeschlossen wurde. Eine besondere Ähnlichkeit war auf den Bildern auch nicht zu erkennen.

Rechtsanwältin Angelika Lex, Vertreterin der Witwe von Theodoros Boulgarides, gab eine Erklärung ab zur gestrigen Vernehmung des Polizeibeamten, der die Mordermittlungen im Fall Boulgarides maßgeblich betrieben hatte. Diese Erklärung dokumentieren wir hier (§ 257-Erklärung 16.10.13).